Roskilde 2008

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„Es gibt noch Tickets für Roskilde 2008“. Das war das Verwunderliche im Vorfeld des Festivals. Nicht ausverkauft. Das mag an den Sintflutartigen Regenfällen im Vorjahr gelegen haben. Manch einer fand das Line Up auch nicht so überzeugend. Beides galt es nun an den vier Festivaltagen zu widerlegen.

Zunächst also zum Wetter, mit dem ein Festival oft steht und fällt. In diesem Jahr war alles blendend. Strahlender Sonnenschein, beste Temperaturen, kaum eine Wolke am Himmel. Ideale Voraussetzungen, um nach dem Grillen oder einem Besuch am Roskilde Badesee den zweiten Punkt auszuloten: Die Qualität des Line Ups. Hier sind die Bedenken im Vorfeld verständlich, sind doch Jay-Z und die Chemical Brothers nicht unbedingt die Highlights, die man erwartet hatte. Auch Nick Caves Grinderman, die unkaputtbaren Slayer, Rob Halfords Comeback mit Judas Priest und die fulminante Rückkehr von My Bloody Valentine sind nicht unbedingt massenkompatible Headliner, dafür umso schöner für Liebhaber der jeweiligen Genres. Von der lebenden Legende Neil Young kann sicherlich ein großer Teil des Festival-Volkes auf Anhieb auch nicht mehr als drei Songs nennen. Bleiben also Radiohead.

Schaut man aber mal genauer hin, hat auch das diesjährige Line Up wieder alles, was Roskilde auszeichnet. Die Helden verschiedener Genres, die alleine schon größte Hallen füllen könnten, aufstrebende Acts auf dem Weg nach ganz oben und eine ganze Reihe hoffnungsvoller Newcomer. So kann man sich auch in 2008 wieder ein schönes Programm zusammenstellen.

Das erste richtige Highlight ist Duffy im riesigen Arena Zelt. Die Stimmung ist fantastisch, Duffy singt wie auf Platte, bringt hier und da charmante Ansagen und will die Leute feiern sehen. Das tun sie dann auch, vor allem natürlich bei „Mercy“. Schade ist nur, dass ein guter Teil anschließend geht und das schöne Finale verpasst. Dennoch wird auch ihnen Duffy als sehr anständiger Auftakt in Erinnerung bleiben. Währenddessen hat Teitur mit einem ruhigen Set die Hauptbühne eröffnet. Hier und da mogelt sich zwar etwas Lauteres in die Setlist, doch insgesamt passen die stillen Songs nicht so recht in das laute Treiben vor der Orange Stage. Duffy und Teitur wären auf der jeweils anderen Bühne vielleicht besser aufgehoben gewesen. Eine Neuigkeit gibt es an der Orange. Man kann sich jetzt für exakt die Band anstellen, die man vorne im Pit sehen möchte. So bilden sich bereits um 18h Schlangen für Radiohead, die erst um 22h dran sind.

Bis dahin kann man sich die Zeit auch besser vertreiben. Z.B. mit den Shooting-Stars von MGMT. Die New Yorker spielen im Odeon Zelt, um das herum die große Fair Trade Area aufgebaut ist. Auf der dortigen Rasenfläche fläzen sich die Leute in der Sonne und genießen die Musik. Anschließend kommt Beth Ditto mit Gossip, um die Menge zum Tanzen zu bringen. Mit ihrer imposanten Erscheinung und ihrer Bewegungsfreude hat sie das Zelt gleich im Griff. Dass sich ihr Set mit Radiohead überschneidet, ist ihr durchaus bewusst. Die dagebliebenen Fans werden mit einer Coverversion von „Creep“ belohnt, das im Original heute sicher nicht geben wird. Die Schweden-Rock-Fraktion eilt derweil zur Abschiedstournee der Hellacopters, die zur Feier des Tages mit ihrem alten Mitglied Dregen auftreten und die Arena begeistert zurücklassen.

Der große Rest pilgert aber zum heiß erwarteten Konzert von Radiohead. Schon am Nachmittag konnte man auf dem Zeltplatz einige Songs vom Soundcheck hören, was die Vorfreude gesteigert hat. Doch selbst jetzt ist der Platz vor der Orange Stage nicht komplett gefüllt, was dazu führt, dass in den hinteren Reihen mehr geredet als gelauscht wird. Zudem ist es schade, dass es einfach noch zu hell ist um diese Zeit in Roskilde. Da geht der Opener „15 Step“ und leider auch das großartige „Airbag“ etwas unter. Doch mit zunehmender Spieldauer und Dunkelheit wird das Konzert immer besser. Die Songs von „In Rainbows“ kommen auch live hervorragend und bekommen hier und da eine zusätzliche Facette. Mit „National Anthem“ wird die Stimmung noch einen Tick besser, bei „Exit Music“ ermahnen die Fans redende Zuschauer erfolgreich zu relativ andächtiger Ruhe, nach „Bodysnatchers“ ist erstmal Schluss. Natürlich gibt es noch Zugaben zuhauf. Vor allem „Paranoid Android“ hat nichts von seiner magischen Wirkung verloren, wenn die Leuchtstäbe und die Lichtanlage in schönem Blau ins Publikum leuchten und Thom Yorke begleitet von abertausenden Stimmen „Rain down…“ singt… Immer wieder ergreifend! „Idioteque“ ist live auch wesentlich besser als auf Platte und bildet den Abschluss des ersten Zugabenblocks. Mit „You And Whose Army“ geht es ruhig weiter, bevor „2+2=5“ noch mal für Stimmung sorgt. Den krönenden Abschluss dieses Konzerts bildet „Karma Police“, das mit Thom Yorke an der Akustikgitarre in einem Chor aus begeisterten Zuschauern endet, die alle mitsingen. Wunderbar! Schade nur, dass die Band sich auf ihre, zugegebenermaßen tolle Lichtanlage beschränkt und nicht auch noch das sehr atmosphärische Licht der orangen Bühne genutzt hat.

War eingangs mal von relativ schwachem Line Up die Rede? Davon ist an diesem Freitag nichts zu spüren. Man hat die Qual der Wahl. Hier unser persönliches Programm: 14h: Kate Nash im Odeon dabei zusehen, wie sie mit ihrer naiv verspielten Art das Publikum um den Finger wickelt. 15h: Schnell weiter zu Polarkreis 18, die zwischen Melancholie und Tanzbarkeit pendeln und sicherlich viele neue Freunde gefunden haben. Man darf auf das kommende Album mit der ersten Single „Allein Allein“ gespannt sein! 16h: Die Band Of Horses spielt in der Arena vor vollem Haus. Die Sonne scheint, die Musik wärmt ebenso. Für Abkühlung sorgt das gute Tuborg des Festivalsponsors zum fairen Preis. 17h: Hauptbühne, erster Act des Tages. Gnarls Barkeley. Muss nicht unbedingt sein. Er hat ja eine tolle Stimme, „Crazy“ war auch ein Überhit, aber so richtig überzeugend ist das alles nicht. Ein respektvolles Aufhorchen gibt es für das überaus gelungene Cover von Radioheads (wer sonst) „Reckoner“.

18h: Hier hätten eigentlich die Franzosen von Aaron ihren melancholischen Indie-Elektro-Chanson performen sollen. Doch wegen Krankheit musste das Konzert leider abgesagt werden. 19.30h: Kings Of Leon rocken auch mit gestutzten Bärten noch ganz ordentlich. 20h: Die älteren Semester freuen sich über die Rückkehr eines der besten Noize-Rock-Trios der 90er Jahre. Die deutsch-dänische Kombo 18th Dye passt hier hervorragend rein. Trotz der langen Pause wirken die neuen und die alten Songs einfach zeitlos. Trockenes Schlagzeug, krachige Gitarren, schöner Gesang von zwei Stimmen, Widmungen zahlreicher Songs an Kinder, Bekannte und Co. Sehr schön!

21h: Mogwai nehmen die Steilvorlage auf und zelebrieren ihre Soundwände! 22h: Der nicht ganz so heimliche Star des Festivals Robyn spielt im völlig überfüllten Cosmopol-Zelt und heizt die Masse derart an, dass der Staub nur so aufgewirbelt wird. Alle Hits sitzen, die Videoshow ist super, das Intro mit nacheinander aufleuchtenden „Robyn“ Buchstaben ist schon Superstar-Level. Auch die poppigeren Songs reihen sich wunderbar ins Set ein. Diese Dame wird mit Sicherheit noch größer werden und beim nächsten Mal auf einer Hauptbühne zu erleben sein! Ein Highlight des Wochenendes! Ansclhießend kann Cocorosie leider in keinster Weise mithalten. 22.30h: Nick Cave rockt sich mit Grinderman durch sein Set. Für Cave Jünger super, für alle anderen trotz Caves schönem Bartwuchs öde. 23.30h: Eine sehr zugedröhnt wirkende Alison Goldfrapp singt wie immer zauberhaft! Toller Sound, seltsames Hirschgeweih auf der Bühne, eine einzige Traumwelt. 24h: Battles legen eine hypnotische Vorstellung hin. Vertrackt, aber straight und unglaublich ausgetüftelt alles. 1h: Yeasayer konkurrieren mit Mike Skinners The Streets. Skinner hat die größere Klappe, das größere Publikum und die größere Show. Immer wieder Party. Vor einigen Jahren im kleinen Zelt, dann in der Arena, heute Headliner. So kann es gehen. 2h: Wer danach noch fit ist, kann sich die volle Ladung Motorpsycho geben. Und die Nacht ist noch lang…

Der Samstag hat mit den Ting Tings sein erstes Highlight. Der Hit „That’s Not My Name“ schallt über das Gelände und bietet einen guten Start in den Tag. Am frühen Nachmittag sorgt José Gonzáles für großen Auflauf im kleinen Odeon Zelt. Das Wetter ist herrlich, man könnte wunderbar zu der Musik entspannen – wenn man sie denn hören würde. Leider geht der gute Mann völlig unter, weil er einfach viel zu leise ist. Selbst im Zelt muss man sich anstrengen und den Nebenmann zur Ruhe ermahnen, um der Musik lauschen zu können. Sehr schade. Dafür bleibt Zeit, das weitläufige, aber gut erschließbare Gelände zu erkunden. Hier stimmt von der Essensqualität über Fair Trade Stände bis zu den Klamotten und Musik-Ständen einfach alles, auch preislich. Und wir befinden uns in Dänemark! Währenddessen spielen Tokyo Police Club das laut Roskilde Zeitung beste Konzert des Wochenendes. Live ist die Truppe um Längen besser als auf Platte. Zumindest bisher. Um 19h folgt ein mit Spannung erwartetes Comeback: Judas Priest sind zurück, um das Gesetz zu brechen. Dabei wirken sie leider recht zerbrechlich. Rob Halford hat seine besten Tage weit hinter sich und wirkt optisch eher wie eine Karikatur seiner selbst. Wer das Rock Café Halford in Berlin mitsamt der überlebensgroßen Figur vor dem Laden kennt, braucht das Konzert hier eigentlich nicht mehr. Aber die Klassiker einmal live zu hören, hat dann doch einen gewissen Spaßfaktor.

Dann geht es aber doch weiter zu Solomon Burke. Alleine dieser Gegensatz zeigt die Vielfalt des Festivals. Immer wieder werden Legenden verpflichtet, die man sonst nicht zu Gesicht bekommen würde oder für die man sonst nicht auf ein Konzert gehen würde. In Roskilde passt aber alles wunderbar zusammen. So wird Burkes Auftritt zu einem kleinen Highlight. Der Meister selbst sitzt tatsächlich in einem fetten Thron(!), aus dem er auch nicht aufsteht. Er bringt seine Botschaften im Sitzen emotional genug rüber, man sieht ihm die Anstrengung, aber auch die Freude an, die Damen um ihn herum, die sich als einige seiner zahlreichen Töchter entpuppen, tupfen ihm zwischendurch liebevoll den Schweiß von der Stirn und die Arena feiert. Warum aber gerade hier beim letzten Song „Everybody Needs Somebody To Love“ so überpünktlich Schluss sein musste, bleibt ein Rätsel. Diese paar Minuten hätten sie ihm noch geben können. Doch selbst von dem sich schließenden Vorhang lässt sich Burke zunächst nicht beirren, singt weiter, steht gar aus seinem Thron auf um den Vorhang beiseite zu schieben. Doch dann wird der Saft abgedreht. Dennoch toll!

Und es geht weiter mit Legenden. My Bloody Valentine sind zurück! Nach jahrelangen Gerüchten steht die Band um Kevin Shields tatsächlich wieder gemeinsam auf der Bühne. Schon die ersten Klänge machen klar: Das wird laut, das wird gut! Niemand hat diesen Gitarrensound so drauf wie diese Band. Mächtig, erhaben, großartig! Einziges Manko: Der Feedback (und zahlreiches andere) – Altmeister Neil Young spielt nur kurz darauf auf der Hauptbühne. Dort wird es richtig voll. Mit jeder Minute, die Neil Young zu spät kommt, ärgert man sich über die verpasste Zeit bei My Bloody Valentine. Doch als es dann beginnt, hat sich alles gelohnt. Auch Young hat das Gitarrespielen mit Verzerrer längst nicht verlernt und bietet ein abwechslungsreiches Best Of Set. Zu jedem Song gibt es auf einer Stafette am Bühnenrand ein passendes Bild. Zum Abschluss gibt es ein Feedbackreiches Cover des Beatles Übersongs „A Day In The Life“. Später in der Nacht machen die Chemical Brothers mit ihren Big Beats und einer visuell eindrucksvollen Show noch mal richtig Partyalarm auf dem Gelände.

Zum Abschluss lässt man es etwas ruhiger angehen, was die Anzahl der Bands angeht. Ein weiteres Mal sind Slayer zu Gast. Nachmittags macht das aber nicht so viel Spaß wie am Abend.  Cat Power spielt mit der Dirty Delta Blues Band im Odeon. Sie scheinen Spaß zu haben, doch es ist verwunderlich, Chan Marshall förmlich ausgelassen zu sehen. Das Fragile an ihr ist an diesem Nachmittag nicht zu spüren. Auch musikalisch ist die Dirty Delta Blues Band zwar sehr anständig, hat jedoch bei weitem nicht die Tiefe der Al Green Band und auch nicht den Noize-Rock-Faktor der 90er Jahre Band um Steve Shelley. Dennoch ein schöner persönlicher Abschluss des Wochenendes.

Insgesamt war 2008 vielleicht tatsächlich nicht das Jahr mit unzähligen Mega-Highlights. Doch wie man dem Bericht entnehmen kann, gab es für jeden eine Menge Top Acts, Newcomer und spannende Entdeckungen jenseits der Genre Grenzen. Und nur mal zum Spaß seien hier mal einige Bands aufgezählt, die wir aus Gründen wie Überschneidungen mit anderen Acts oder sonstigen Aktivitäten nicht gesehen haben. Alleine daraus ließe sich schon ein prächtiges Line Up stricken. U.a. wären mit dabei: Hot Chip, Santogold, Joan As Police Woman, No Age, Lykke Li, Notwist, Dillinger Escape Plan, Girl Talk, Liars, Mugison, Black Mountain; Jay-Z, Anti-Flag, Enter Shikari, Bonnie “Prince” Billy, Tina Dico, Fuck Buttons, Digitalism um nur einige zu nennen.

Soviel zum Thema Line Up. Bis 2009!

– Won Sin –

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